Woran erkennt man eigentlich gutes Brot? Gutes Brot erkennt man daran, dass nur Zutaten darin sind, die wirklich in ein gutes Brot gehören. An einer herrlichen Kruste und daran, dass es lange saftig bleibt. Gutes Brot erkennt man am Geschmack. Und an einem guten Preis. Tschingderassabum. – Woran erkennt man eigentlich einen guten Discounter? Einen guten Discounter erkennt man daran, dass es dort Dinge billiger gibt als anderswo. An Markenware zum Schnäppchenpreis und an Eigenmarken, die Markenware so gut nachmachen, dass man den Unterschied manchmal kaum bis gar nicht merkt. Punkt.

Gute Preise – das isses, und was anderes suchen wir im Discounter auch nicht. Weil, wenn wir richtig gutes Brot essen wollen, kaufen wir es bei einem Bäcker. Einem, der nicht allein zu Stoßzeiten tiefgefrorene Teiglinge just-in-time in den Induktionsofen schiebt, sondern einem, der den Teig mit Hand und Köpfchen herstellt und dessen Brot auch länger als anderthalb Tage essbar ist, ohne es implantatprophylaktisch in den Kaffee stippen zu müssen. Und für einen echt guten Wein mit “gewissenhaft ausgewählten Rebsorten” (so Lidl) zahlen wir gern mehr als 2 Euro (pro Liter) – schon allein, damit der gewissenhafte Winzer nicht die Lust an seinem schönen Handwerk verliert oder aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen ist, sich einen Nebenjob zu suchen und so zum Beispiel im Morgengrauen beim Nachbarn als Spargelstecher anheuert. Wonach er dann abends für eine anständige Winzerei viel zu müde ist. Doch es gibt eine ganze Menge Dinge, die kaufen wir sehr gern beim Discounter. Diesen Monat zum Beispiel:

Veilchenblüte Seccini. 0,75 l für 1,49 Euro. – Wie? Was das ist? Wissen wir auch nicht so genau. Ein aurorafarbenes, feinperliges Getränk mit Spaßfaktor 6,9. Volumenprozent. Ein bis zwei Gläser, große, mit viel Eis drin, und selbstverständlich auf den Frühling (Wohsein!) wie auf nüchternen Magen versetzen einen schon mit dem ersten Schluck in einen guten Zustand. Guck mal da, der Frühling. Och, herrlich, Wohlsein! – Vielleicht, mag sein, dass man auf lange Sicht und als Veilchenblüte-heavy user sein Augenlicht verliert oder auch das Verständnis für komplexe mitmenschliche Dingsda. Aber uns doch wurscht! Denn A-Deli-Nord hat verantwortungsbewusst vorgesorgt: Unser “weinhaltiger Cocktail” (so Aldi) ist leider gesteuerte Saisonware. Yeah! Nur jetzt! Greifen Sie zu! Bald ist Schluss mit Hahahaa. Klar ist: Echte Veilchen sind da weder drin noch dran noch drauf. Aber schnurz, ist köstlich und fantastische Laune inklusive, fast für lau.

Natürlich würde, wenn wir beim Veilchenfeinperligen Wert auf “Was ist eigentlich gute Qualität?” legen würden, folgendes passieren:

Directrice 1 (in mauvefarbener Latzhose) wählt bei laufender Kamera im Garten auf den Knien die schönsten, frischesten, vollmundigsten Blüten aus.

Directrice 2 (im fliederfarbenen Blüschen) badet die Veilchen in handwarmem, weichen Leitungswasser.

Directrice 1 (nun im frisch gestärkten Laborkittel) bereitet in der fett.-Versuchsküche die Blütenessenzdestillationsanlage vor.

Die Kamera wird im Stativ befestigt. Die Directricen (beide nun in wehendend leichten Millefleurskleidchen) halten abwechselnd leichthändig und geschmeidig rührend den sacht köchelnden Sud in Bewegung, damit die Aromastoffe gleichmäßig mit dem Fluidum emulgieren.

Nach 16 Stunden wird die Essenz zwölf Mal durch ein hundert Jahre gehegtes Batisttüchlein gefiltert und im sterilen Eiswürfelbad sachte heruntergekühlt. Directrice 2 geht dem Champagnerlieferanten die Tür öffnen. Directrice 1 brieft die Maskenbildnerin.

Diskussion im Fundus: Schalen oder Flöten? Handgeschliffen oder mundgeblasen? Riedel oder Zwiesel? Kandiertes Veilchen als Dekoration oder ein Salzkristallrand?

Dann: Garderobe ++ Setting ++ Shot ++ Plopp ++ Shot ++ Gluck ++ CinCin ++ Shot ++ Hmmm ++ Ups ++ Shot ++ zack an den Rechner + Post, Bumm, fertig.

 

Das, werte Leser, wäre fett.-Veilchenfeines. 15 ml: 27,90 Euro. Ohne Mehrwertsteuer.

Nur fehlte uns in diesem Monat der Nerv für Qualität. Beziehungsweise: Unser Nerv hat anderswo Qualität gesichert (haha, Wohlsein!). Veilchensekt wollten wir aber trotzdem. Beziehungsweise: deshalb. Drum: Beide Directricen rein zu Feinkost Albrecht, ohne Umwege zur Raritätenabteilung. Einladen, zahlen (bar!), Eiswürfel an der Tanke holen, Plastikbecher raus… und dann Plopp ++ Shot ++… und so weiter. Bitteschön. Geht wunderbar. Sogar sehr.

Ach, ja, richtig… Um es passend zum sehr guten Seccini von den Steilhängen der Gebrüder Karl und Theo-Ahr mit den ganz alten Italienern zu sagen: bibimus ergo sumus. Wieder. Da.

Herrlich günstig optimistisch gestimmt:

fett.

 

Veilchen_Titel

 


PS: Eigentlich ist ja zur imagemäßigen Lidl-Qualitätsoffensive alles gesagt – vor allem von anderen: Wütendes: 12, 3; Kritisches; Skeptisches. Und doch: klick!


 Alle Fotos: ©fett-magazin.de