35,20 Euro stehen auf dem Bon – da muss man erst mal schlucken. Doch nicht verhört. Und als der Schlachter die Tüte über den Tresen reicht, wird klar: Das ist schon echt ein dickes Ding, sowieso, und gut fünf Kilo mal 6,70 Euro macht eben mal 35,20. FAST 70 MARK. Für ein Huhn. Ein Bio-Huhn zwar, doch trotzdem: Mongdjiö!

Aber halt: Mon Dieu, das käme einem Franzosen nicht über die Lippen. Wo wir schwer atmen, zuckt der gallische Gourmet nicht mit der Wimper, sondern zückt klaglos das Portemonnaie. Bekanntlich geizen nur wenige Nationen beim Essen so wie wir: 11,2 Prozent ihres Einkommens geben die Deutschen durchschnittlich für Lebensmittel aus, in Frankreich sind es 13,84 Prozent.  Mit unseren knickerigen Prozentchen positionieren wir uns im statistischen Vergleich peinlich im hintersten Viertel, weniger sind es nur bei den Nachbarn in Luxemburg (10,77 %), Österreich (10,40 %) und der Schweiz (9,27 %) – wobei: die kaufen, zumindest wenn sie in Grenznähe wohnen, vielleicht auch einfach alle billig in Deutschland ein. Und dass ansonsten nur die Briten und Iren (9,1 / 10,2 %) in Sachen kulinarische Spendabilität noch hinter unter uns liegen, sollte keine Genugtuung sein, sondern eher zu denken geben.*

Wie auch immer – schon auf dem Heimweg mit dem schweren Vogel wird klar: Zu diesem Huhn muss man Sie sagen. Dieses Huhn braucht einen Namen, hat wahrscheinlich einen Namen, wurde mit diesem Namen von seinem vorigen Besitzer (Bauer, Züchter, Schlachter – das alles scheint auf einmal nicht mehr angemessen) auf dem Bio-Hof liebevoll zu Fütterung und Federpflege gerufen. Gekrault, bespielt, gebadet, wir sind überzeugt: Was immer ein (ja immer noch schmerzlich kurzes) Hühnerleben bunt und glücklich machen kann – hier wurde es bestimmt getan. Ein wahres Chick de luxe, geboren, um zu einem Must have für den Geflügelliebhaber gehobenen Geschmacks zu werden. Sozusagen ein Prada-Poulet, das gar nicht anders heißen kann als Miuccia. Höchstens noch: Coco. Hierzulande vielleicht: Jil.

Luxus bis zum Exitus

Ebenfalls klar wie Brühe, pah!, natürlich klar wie Bouillon ist, dass das, was aus diesem Huhn werden soll, eine ganz ganz feine Sache werden muss. Sofort wälzen wir Rezepte. Hier darf kein Tim Mälzer ran, unter Bocuse, Escoffier, Ducasse geht gar nix. Am Ende siegt deshalb das Küchennotizbuch von Oma Linchen, die ebenfalls ausschließlich Prada-Hühner verarbeitete. Die lebten in großzügigem Auslauf hinter Omas Haus, bekamen ihre Leben lang nur das Beste – bis Linchen eben dieses mit ihrem kleinen scharfen Küchenmesser beendete. Und dann aus dem glücklich gestorbenen Federvieh, ein paar Handvoll Wurzeln und Kräutern aus ihrem Garten über Stunden ein Süppchen kochte, das nicht nur auf der Sonntagstafel reüssierte, sondern bei Bedarf auch jedes Unwohlsein heilte, vom Kopf- über Hals- und Bauch- bis hin zum tiefsten Herzensweh.

Im Prinzip old school Hühnerbrühe also, aber man weiß ja: Die Güte des Gerichts hängt an der Qualität der Zutaten. Und unsere konzentrierte Miuccia-Essenz, geschlürft aus Omas gutem Silber, war wirklich köst-lichst.

Normalerweise folgt an dieser Stelle ja die fett.e Anleitung. Aber wie es mit Familienrezepten nunmal so ist: Sie werden nur innerhalb der Familie weitergegeben, also maximal an Angeheiratete. Tut uns leid, ehrlich. (Zum akuten Trost: Kann ja in dem ein oder anderen Fall noch werden, liebe fett.-Leserschaft.)

Wir glauben aber auch: Für Hühnerbrühe  gibt´s eh keine Regel. Oder besser gesagt: unzählige. Die Griechen tun Zitrone rein, die Chinesen Sternanis, die Vietnamesen Koriander. Unverzichtbar sind nur Wasser, Salz und Huhn. Und wer Inspiration für eine besonders verrückte, super fancy extra yummie Hühnerbrühe braucht, findet bestimmt in den Millionen und Abermillionen Kochblogs, die es gibt, das richtige. Zum Beispiel hier, bei Smittenkitten oder auch hier, im Guardian, von Meister Ottolenghi.

Und übrigens, stehen überraschend Gäste vor der Tür und der Crémant ist aus, der Prosecco lau, der Sekt allenfalls halbtrocken: Man nehme Huhn! Genau wie wir sagt auch das Fachmagazin L.A. Confidential: Brühe ist derzeit der heißeste Trend an kalifornischen Bartresen, gemixt zum Beispiel mit Karottensaft, Tequila, Tabasco, Ingwersirup und einem Schuss Limettensaft. Davon bestimmt fett. in einem anderen Monat.


* Jaja, ist schon klar, dass das auch und vor allem mit vielen anderen Faktoren – Wohlstandsniveau, Preisstabilität etc. – zu tun hat. Aber ein bisschen die Stirn runzeln darf man schon, gell? Die komplette Übersicht gibt´s übrigens hier.


Fotos: ©fett. dank Herrn Bü.