Lieber Ralph,

 

wir haben für Deine Anrede hier die Farbe gewählt, die uns als Erstes einfällt. Weil wir grad an Deine Trainingsjacke denken. In der Du jeden Samstagmorgen um diese Zeit vom Werner Seelmann-Parkplatz schlacksig federnd auf den Court latschtest und dazu schon aus der Ferne vorab was motivierend Fröhliches oder Ironisches riefst, je nach dem, nun ja. Wir werden uns noch lange an die Jacke erinnern – denn wir werden sie nicht mehr sehen. Nicht an Dir. Genauso wenig wie die riesengroßen champagnerfarbenen Python-Boots, mit denen Du vor unserer allerersten Tennisstunde aus Deiner silbernen Limousine gestiegen bist. Diese Stiefel, mon dieu! Die waren das Gegenteil von Tennisclub, die waren Rockabilly, Punk und Schlagermove in einem. Wir waren bei Dir angekommen. Angekommen in unserer dritten Inkarnation als Tennisspielerinnen. So viel war sofort klar. Großartig. Besser geht’s nicht. Ging’s nicht. – Scheiße!

Quiet, pleeeeeeease – gleich ist Ruhe.  Aber wir müssen noch etwas sagen. Zu Ralph, über Ralph, unseren Tennistrainer, den einzigen Mann der Welt, dem es gelungen ist, jede noch so miserable Stimmung binnen 60 Minuten in fühlbares Glück oder zumindest satte, erschöpfte Zufriedenheit zu verwandeln. Meistens aber Glück! Der uns Ausholen, Schlagen, Drehen, Big Plopp, Durchziehen, den Mitspieler zu lesen versuchen, Kampfgeist, echtes Spielen, Ehrgeiz, Ballverständnis, Erfolgserlebnis und Indiekniegehen beigebracht hat – eben großes Tennis, weil immer mit Gefühl. Und der Mann, der als einziger Mensch die halbe fett.-Redaktion ohne Widerspruch oder Haueandrohen Silvie oder wahlweise Sabine nennen durfte. Ralph, der am vergangenen Ostersamstag einfach gestorben ist.

Samstag, 10 Uhr. Das war für uns ein, nein, der Dreh- und Angelpunkt der Woche. 52 mal, fast genau ein Jahr lang, haben wir auf diesen Termin hingefiebert wie Teenies auf´s Justin Bieber-Konzert, und wir haben ihn bis aufs Blut verteidigt gegen die Begehrlichkeiten anderer Berufstätiger, die den frühen Sport bevorzugen. Denn klaro: Wir waren nicht die einzigen, die sich für 60 Minuten mit Dir durch stockdunkle und kalte frühe Wintermorgen, Wind und Wetter, Herbststürme und knietiefen Schneematsch gekämpft haben. Oder, im letzten Sommer, bei tropischen Temperaturen schon vor dem Spiel außen klatschnass geschwitzt und innen komplett dehydriert zum Platz radelten, um in einer Stunde Slow motion-Tennis die Restenergie für das komplette Wochenende zu verbraten. Eine Stunde absagen, wegen Faulheit, Schweinehund, Verkaterung – undenkbar! Auch weil wir wussten: Du nimmst es persönlich. Und das sowas von zu recht. Denn Du hast für uns ja auch alles möglich gemacht. Die Damen wünschen schmissigen Slice zu üben? Bien sûr! Heute lieber nur ganz einfache Bälle, gerade auf die Vorhand? Mit Vergnügen, gern! Nach der Technik noch ein kleines Match? Nein, diesmal kein Match? Oh, heute zwei Matches, jeweils mit Revanche? Das Tennisleben mit Ralph – ein Wunschkonzert. Bis auf eines: den finalen Schlagabtausch gegen ihn, den Meister, am Ende jeder Stunde. Mit der gnädigen Regel: nur unsere Punkte zählen. Und nichts hat uns stolzer gemacht, als zu registrieren, dass Ralph, unser Ralphie, uns bei den letzten Spielen nicht mehr jeden halbgaren Treffer durchgehen und unser hysterisches “Linie! Das war noch Li-nie!!!”-Gekeife im Sande verpuffen ließ. – Vorgestern haben wir erfahren, dass wir nicht mehr von Dir lernen werden, nicht mehr mit Dir spielen werden. Unser – wie wir heute wissen – letztes Training und abschließendes Spiel mit Dir endete satt mit 20:0 – und Deinem anerkennend gegrinsten “So langsam kriege ich Angst vor Euch.”

Aber: nein, lieber Ralph, Du brauchst keine Angst zu haben. Vor nichts und niemandem. Denn Du bist auf ewig unser Tennisgott – und nicht nur unserer, denn wir wissen ganz sicher, dass es viele, sehr viele große und vor allem kleine Spieler hier in Eimsbüttel gibt, die Dich nie vergessen werden.

Das Paradies muss ein Tenniscourt sein. Für Dich. Und, wenn´s möglich ist, lieber Gott, wenn es denn irgendwann mal Zeit ist – auch für uns. Vielleicht sieht es da sogar aus wie im Tessin. Ja, unser Traum, den wir Dir, Ralph, einmal lachend verrieten, für falls wir mal groß sind oder erwachsen oder reich, je nach dem. Eine Villa im Tessin mit eigenem Tennisplatz und früh morgens auf dem Weg durch den duftenden Garten dorthin, noch barfuß und mit Kaffeetasse in der einen und Schläger in der anderen Hand den kühlen Rauhreif auf dem perfekt getrimmten Rasen unter unseren Füßen spüren. Du hast verwundert geguckt, wie oft bei unseren Ideen, und irritiert gelächelt, und Du hast verstanden. Uns. – Vielleicht gelingt es uns ja sogar noch, das mit dem eigenen Court, wenn wir dank Dir doch noch irgendwelche Grand Slams abräumen – mal sehen. Wir überlegen, ob wir weiter daran arbeiten. Ohne Dich, Ralph? Momentan undenkbar. Immerhin sind Tessin und Tennis buchstabenmäßig nicht so weit entfernt. Aber Du. Grad. Weit.

So oder so. Wichtig ist auf dem Platz. Und wir sehen uns auf dem Platz, Ralph.

30, 40 – LOVE!

Zweistellig zu Null – Liebe!

Außer Fassung, traurig, quiet

Deine

Ilka & Silviesabine