Oktoberfest in Hamburg, Faschingsumzug in Hannover. Heiraten mit Wedding Planner, Flying Dinner mit Wildfremden, Kindergeburtstag für Hunderte von Euro. Alle naslang wird gefeiert und selbst Fußball gucken ist nur noch mit Buffet erlaubt. Das war doch früher nicht so! Was soll das? wollten wir von Trendforscher Walter Matthias Kunze wissen.

Wochenendplanung Anfang September 2012: Wir haben die Wahl zwischen zwei Straßenfesten im Radius von drei Quadratkilometern, könnten wahlweise eine Hochzeit, eine Grillparty im Kleingarten von Freunden und einen Geburtstag besuchen oder uns auf dem Kinderfest der SPD amüsieren. Die halbe Stadt eine Partymeile – was ist hier denn los, bitte schön?

Walter Matthias Kunze: Wir Sozialwissenschaftler und Marktforscher beobachten schon seit geraumer Zeit einen starken Trend hin zu „teamorientierter“ Freizeitgestaltung. Vor zwanzig Jahren sah man sich beispielsweise die Fußball-EM oder den Grand Prix überwiegend eher allein oder im ganz kleinen Kreis zuhause vor dem Fernseher an. Heute wird der halbe Freundeskreis eingeladen – und die Frauen, die sowie eher vernetzter kommunizieren, sind nicht nur dabei, sondern oft auch die treibende Kraft. Oder wir gehen gleich in eine Kneipe oder zum Public Viewing, um das Erlebnis mit anderen zu teilen. Die Leute wollen miteinander sein, miteinander tun.

Es scheint aber auch mehr Gelegenheiten zu geben: In den Metropolen hat jedes Viertel, das auf sich hält, sein eigenes Straßenfest. Jede mittelgroße Stadt ihre „Lange Nacht der Museen“. An den Wochenenden fahren die Leute auf´s Land zu Hof-Festen und zu regionalen Gourmet-Festivals. Dazu kommen die traditionellen Feieranlässe vom Schützenfest bis zur Kirchweih….

Kunze: Wir leben heute in einer globalisierten Welt, in der viele Ereignisse und „anonyme“ Institutionen, die weit entfernt scheinen, den Alltag beeinflussen – die Finanz- bzw. Eurokrise, der Klimawandel, auch Werte und kulturelle Techniken, die (scheinbar) „von außen“ kommen wie z.B. das Internet. Um das zu kompensieren, suchen die Menschen nach Regional- und Lokalbezug, bei den Produkten, die sie konsumieren und eben auch in der Freizeitgestaltung. Das Nahe, Vertraute suggeriert Überschaubarkeit und Sicherheit. Es geht um „Heimat“, und heimatlich fühlt man sich im eigenen Viertel. Auch der Faktor Authentizität spielt eine Rolle. Straßenfeste sind folkloristisch, man isst gemeinsam an langen Tischen, lacht oder tanzt mit dem Nachbarn – solche Veranstaltungen stabilisieren das lokale Zusammenhaltsgefühl.

Gerade fand hier in Hamburg das White Dinner statt – eine Art öffentliches Motto-Picknick auf dem Michel-Vorplatz. Was treibt die Leute dazu, gestylt wie für eine Hochzeit und angeschickert vom Schampus aus der Kühltasche gemeinsam mit Tausenden anderer Dinierenden Wunderkerzen zu schwenken?

Kunze: White Dinner ist ein spannendes Phänomen, das von gleich mehreren Trends befeuert wird: Zum einen dem wachsenden Bedürfnis, ,Gemeinschaft‘ offline, also sozusagen „in echt“ zu spüren. Und beim White Dinner machen die klar definierten Regularien – alle müssen in Weiß erscheinen, Porzellan statt Pappteller etc. – aus einer anonymen Masse von Teilnehmern, die sich nicht untereinander kennen, eine exklusive Gruppe. Sie signalisieren nach innen und außen, wer dazugehört und wer nicht.

Bei all dem symbolisiert das White Dinner, wie das hier in Hamburg mit rund 5500 Teilnehmern dies Jahr, allgemein für die Teilnehmenden im gemeinsamen Essen in einheitlich weißer Kleidung ein für alle einmalig schönes und Identität stiftendes Gefühl zum „wir“, zur Gemeinschaft.

Das Bild, das so entsteht – und ja auch gern fotografiert und gepostet wird – erinnert an bourgoise Belustigungen à la „dejeuner sur l`herbe“ und an luxuriöse Society Events. So bedient die Inszenierung des White Dinner zugleich das Bedürfnis nach Abgrenzung – ein weiterer Trend in einer Gesellschaft, in der sich breite Schichten zunehmend von sozialem Abstieg bedroht sehen. So haben Gruppen- und Gemeinschaftstrends auch ihre zwei Seiten…

Inszenierung ist ein gutes Stichwort: Gerade private Feiern wie Hochzeiten oder Kindergeburtstage werden immer aufwändiger und professioneller organisiert.

Kunze: Auch dabei spielen Statusthemen eine Rolle. Wo kann man Wohlstand und Werte wie Kultiviertheit, Gastfreundschaft, Kreativität oder Etikette besser demonstrieren als bei solchen Anlässen? Das allein ist aber nichts Neues, beziehungsweise: es ist die Wiederbelebung bürgerlicher Traditionen. Man denke daran, wie die Organisation von „Gesellschaften“ z.B. bei den Buddenbrooks beschrieben wird, welche Bedeutung die Zusammenstellung der Gästeliste, die Speisenfolge, Tischdekoration und Kleiderordnung damals hatten.

Noch wichtiger ist aber ein anderer Trend, den wir „Familie 3.0“ nennen: Während die klassische Kernfamilie zum Ausnahmefall wird, entstehen und verstärken sich familienähnliche Modelle, in denen Patchwork-Mitglieder, Freunde und Akteure aus dem engeren sozialen Netzwerk familiäre Funktionen übernehmen. Leitbild bleibt dabei aber ein romantisiertes Familienideal – und auch eine Romantisierung von Traditionen. Waren Familienfeste früher gerade für die jüngeren Generationen oft verhasste Pflichtveranstaltungen, wird heute generationenübergreifend lustvoll gemeinsam gefeiert – und auch für einen entsprechend festlichen Rahmen gesorgt.

Mehr von und über Walter Matthias Kunze unter www.trendquest.eu!