Alaaf! Helau! Da ist sie wieder, die 5. Jahreszeit. Ob Fastelovend, Fastnacht oder Fasching, an den närrischen Hot Spots stehen die Kessel Buntes akut unter Hochdruck. Kostüme, Kamälle, Strüssje, Tollitäten, Veedelszöch, pompöse Festwagen, echte Spielmannszüge, Bützje und Ausgelassenheit…

Bevor der Höhepunkt der Session da ist und dann wieder keiner mehr fragt – Warum tun wir das? Warum das Ganze eigentlich? – fragt fett. Und zwar: Dr. Yvonne Niekrenz. Denn sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock und mit Karneval kennt sie sich bestens aus*.


Was ist der Hintergrund des Straßenkarnevals aus soziologischer Sicht?

YvonneNiekrenz Portrait Aus soziologischer Sicht muss man dieses jecke Treiben wohl vor allem als Tradition bezeichnen, also als eine Fülle von sozialen Praktiken im Hier und Heute, die aber auf Vergangenes verweisen. Besonders interessant ist am Karneval dieser vorübergehende Ausnahmezustand: Für eine bestimmte Zeit und in einer bestimmten Region wird der Alltag auf den Kopf gestellt. Frauen übernehmen für einen Tag (zumindest symbolisch) das Regiment, Männer sind als Jungfrauen verkleidet, die Menschen lassen den Alltagsrhythmus hinter sich und feiern einfach. Hier entfaltet der Karneval seine vom Alltag entlastende Wirkung.

Warum werden schon kleine Kinder früh angeleitet, Karneval zu feiern?

Traditionen müssen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, damit sie lebendig bleiben. Es kommt also auch schon auf die ganz Kleinen an.

Welche Voraussetzungen oder Bedingungen sollte jeder einzelne Erwachsene mitbringen oder erfüllen, um von dieser rauschhaften Vergemeinschaftung* zu profitieren?

Zur Grundausstattung eines Karnevalsjecken gehört das Kostüm. Mit dem Kostüm kann ich in eine andere Rolle schlüpfen, die Alltagsrollen hinter mir lassen und mich selber nicht so ernst nehmen. Über das Kostüm kommt man auch leichter mit anderen Feiernden in Kontakt. Da vergemeinschaften sich die Piraten mit den Nonnen oder die Polizistin feiert einträchtig mit Al Capone. Diese kunterbunten Kostüme setzen einen fröhlichen Farbklecks in die graue Winterzeit. In der Karnevalszeit sollte man außerdem keine Abneigung gegen alkoholische Getränke haben. Freigebigkeit, Essen und Trinken im Überfluss – das gehört zum Karneval dazu. Gefastet wird bekanntlich erst ab Aschermittwoch. Neben dem Kostüm und der Trinkfreude gehört auch eine gewisse Offenheit dazu – mit gerade eben noch Unbekannten zu schunkeln, tanzen, trinken, singen und bützen sollte man schon mögen.

Was ist der tiefere Sinn, an rauschhaften Vergemeinschaftungen* teilnehmen zu wollen – obwohl man sich, gerade nach ausführlichem Alkoholgenuss, ja am nächsten Tag nicht unbedingt gut fühlen muss?

In diesem kollektiven Ausnahmezustand erleben sich die Menschen oft als Teil eines Ganzen, eines „Wir“. Das ist eine wichtige Erfahrung, denn im Alltag bleibt ‚Gesellschaft’, deren Teil wir ja sind, sehr abstrakt. Ich glaube auch, dass wir in einer zunehmend digital geprägten Welt Momente brauchen, die wir ganz „analog“ im Hier und Jetzt genießen. Schunkelnd, singend und ein bisschen bierselig in großer Runde. Was morgen sein wird, das ist heute egal. Das Rauschhafte ist wichtiger Teil dieser Gegenwelt zum Alltag, aus dem wir kurz ausbrechen, um am nächsten Tag mit Kopfschmerzen zurückzukehren. Der „Kater“ danach erinnert uns ja auch daran, dass ein Dauerrausch nicht möglich und ein weitgehend asketischer und leistungsorientierter Alltag irgendwie auch sinnvoll ist. Damit unterstreicht das rauschhafte Durcheinander geradezu die Notwendigkeit unserer alltäglichen, nüchternen Ordnung.

Feiern Sie Karneval?

Ich komme ja aus dem karnevalsfernen Norden. Daher schaffe ich es nicht jedes Jahr, zum Straßenkarneval in die Hochburgen zu fahren. Während ich bis jetzt nur den rheinischen Straßenkarneval kenne, werde ich in diesem Jahr zum ersten Mal zur Fastnacht in Mainz sein.

Dankeschön und ein herzliches Helau nach Rostock und Mainz! fett.


* Yvonne Niekrenz: Rauschhafte Vergemeinschaftungen. Eine Studie zum rheinischen Straßenkarneval. (u.a. hier zu bekommen)