… und keine Polizei! — Wenn man erpressbar ist, und das ist man immer mit den eigenen Kinderbildern!, hat man genau zwei Möglichkeiten. Erstens: Ganz still werden, die geforderte Summe zahlen, ein bisschen leise jammern und das Beste hoffen. Wir nehmen natürlich die zweite Option! Nämlich in die fett.e Öffentlichkeit gehen, alles selbst aufdecken und fiesen Erpressern den Stöpsel ziehen*. Ha! – Aber, klar, haben wir noch ein paar Fragen an einander.


Ex-Edelmann: Oh là là! Ein echter Klassiker – im rheinischen Kinderkarneval zumindest, oder?

Funkenmariechen war und IST der Klassiker für traditionstreue kleine, mittlere und, ja, auch sehr große Rheinländerinnen. Um mal auf‘s aktuelle Sexismus-Surfbrett zu steigen: Vielleicht ein langzeitlich eingetütetes, perfides Konzept, schon die Kleinsten an zu kurze Röcke und Spitzen-Volant-Unterhöschen zu gewöhnen? „Denn wenn et Trömmelche jeht, dann stonn mer all parat, un mer trecken durch de Stadt un jeder hätt jesaat…“

Edelmann, vergangener: Wie viele Funkenmariechen gab´s in Deiner Klasse?

Die würdevollen Mariechen hielten sich ungefähr die Waage mit den reaktionären Pippi Langstrumpfs.


Edelding, rosiges: Woher kam das Kostüm? Von Mutti genäht? Mir hat mal ein Rheinländer erzählt, dass bei Euch da unten in vielen Familien die Kostüme generationsweise weitervererbt werden. Wie schön – und ökonomisch. Hast Du´s noch?

Was heißt denn hier „da unten“? Ganz weit oben natürlich! Zu der Zeit lebte ich immerhin in der wundervollsten Bundeshauptstadt überhaupt, bitte! — Ja, in der Tat: Das Kostüm war handgenäht. Geschneidert hat es eine Tante, die ich sehr lieb habe, und sie war echte Damenschneiderin von Beruf. Und – da die Tante nicht nur viele sehr zauberhafte Kleidchen für mich geschneidert, sondern einige aufgehoben hat, z.B. mein Kommunionskleid – könnte es sogar sein, dass es auch das Tanzmariechen-Kostüm noch gibt. Nur mittlerweile vielleicht von weiteren kleinen Familien- mitgliedern geschätzt? – Wenn ich es noch hätte, würdest du wollen, dass ich es für Dich anziehe?

Männchen, das edle: Zumindest auf dem Foto steht Dir das fröhliche “Helau” ja noch nicht gerade ins Gesicht geschrieben.

Ich konnte mir damals überhaupt nicht vorstellen, dass mir jemals ein „Helau“ über die Lippen kommen würde. Denn selbstverständlich heißt es für echte rheinische Frohnaturen ausschließlich „Alaaf!“. – Hilft als Erklärung meines, wenn auch offensichtlich gut genährten, dann doch irgendwie labilen Zustands, was meine Mutter („in meiner Sprache“, haha) zum Bild notiert hat?: „Ich durfte zum ersten Mal mit Erwachsenen ganz lange in eine Wirtschaft.“ – Vielleicht Passiv-Restalkohol meinerseits? Komplette Dizzieness angesichts dessen, was offenbar das geheimnisvolle „Wirtschaft“ anbelangt?

AFKAEE: Sag mal, drückt der Dreispitz? Ich kann mich an fieses Jucken unter der Perücke erinnern…

Und wie! Wenn ich mich an was erinnern kann, ich war 4, dann an diesen zu kleinen Scheiß-Hut und die olle Strumpfhose. Es gab endloses Geheule und Gequengel. Ist Dir übrigens aufgefallen, dass wir beide als Edelmann und Funkenmariechen die Hände total verkrampft hatten? Haha… Jedenfalls, die Strumpfhose MUSSTE ich tragen, obwohl ich nicht wollte, weil sie immer unvorteilhaft und qualvoll rutschte. Aber es war kalter Februar und das Röckchen eben traditionell kurz. Der bekloppte Dreispitz war eine komplette Fehlkonstruktion. Eben nicht liebevoll hergestellt von der Tante, sondern von einer bösen Dreispitz-Maschine in Siegburg, oder so. Betonharter Filz, der in der Lage war, bei 2 Grad Außentemperatur den Kopf auf minus 20 Grad runterzukühlen. Aua! Schlimm! Nur geglaubt hat mir mal wieder keiner…

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Ehemaliger Edeliger: Ich persönlich hab ja als kleines Mädchen jahrelang (vergeblich) von einem richtig perfekten, fertig gekauften Prinzessinnenkostüm von der Stange geträumt – und wurde jedes Jahr auf´s neue von meiner Mutter in selbstgemachte Unisex-Verkleidungen gezwungen. Vielleicht liegt´s daran, dass sich so richtige Karnevalseuphorie bei mir nie eingestellt hat. Wie war´s bei Dir?

Im Rheinland kamste und kommste nicht um Euphorie rum. Liegt‘s an der Rhein-Tiefebene? Am Siebengebirge? An der tektonischen Platte, die mit Los Angeles vergleichbar ist? Auf alle Fälle: Als Kind war es unmöglich, einen Bogen um das härrlische Treiben zu machen. Kirche, Kindergarten, Schule. Mitmachen, dazugehören und Spaß haben oder nicht dazu gehören. Also war ich maximal euphorisch. Aber, keine zwei Jahre später, und ich hatte zumindest das Lager gewechselt. Wieder maßgeschneidert, aber immerhin: Ich war Pippi Langstrumpf!

Der Exedel: Wenn Du für die nächste Woche zu einer richtigen Faschings-Feier eingeladen wärst, auf die Du auch Lust hast, als was würdest Du Dich verkleiden?

Uiii…, schwere Frage! Vor allem, weil ich am fett.en Dienstag nächste Woche wirklich eine Einladung zu einer großartigen Karnevals-Feier, inklusive Veedelzoch vorm Haus, in Köln habe! Ich befürchte, dass ich es nach jahrelangem Entzug mit *räusper* Hanseatischem Unterstatement versuchen werde. Also, peng, rote Clownsnase und mehr nicht. Oder, was unaufwändig ist, aber erprobter- und erstaunlicherweise Herren wie Damen synapsenmäßig in Nullkommanix auf 230 bpm setzt: Zwei Luftballons aufblasen und unterm Shirt als Dekolleté drappieren… Ich kann das karnevalistisch nur empfehlen! —

So, jetzt stell ich hier aber mal die Fragen! Apropos, hormonelles System: Tatsache, Unisex-Verkleidung auf Deinem Foto! Mir war erst nicht klar, als wer Du damals “gegangen” bist. Die gestiefelte rote Katze? Red Adair im Adelsstand? Der aufrechte Korsar? Wie kam‘s zu dem Kostüm, wie zu dem Bild?

Gute Frage. Ähhh… lass mich nachdenken. Ich glaube… ein Musketier. …teer? Athos. Portos. Nein – wie hieß der dritte? Aramis! Klar, ich war Aramis. Was mich viel mehr verwirrt: Warum weiß ich das nicht mehr? Totalblackout nach erstem Vollrausch, Aramis bis an die Ohren abgefüllt mit Kinderpunsch? Trauma-Amnesie durch schallendes Gelächter, Hohn und Spott in der Schule, weil niemand mein Kostüm erkannt hat? Ich weiß es nicht mehr… gnädiges Vergessen umnebelt dieses Fest im Februar 1979.

Vunkenmariechen a.D.: Welche Bedeutung hatte für Dich, dass sich Deine Mutter viel Mühe mit den Kostümen gegeben hat?

Bedeutung, pah. Wie immer, wenn sich Mütter zu viel Mühe geben, geht´s ihnen dabei nicht ums Kindeswohl, sondern um das eigene Vergnügen. Wie historische Fotodokumente zeigen, war meine Mutter als Backfisch, nach der Flucht aus Ostpreußen ins Ostwestfälische (also fast Rheinländische) verschlagen, eine Karnevalsbiene erster Klasse (oder sagt man: Garnitur?). Später musste sie ihrem Mann dann nach Hannover folgen –  und ich sage nur: Niedersachsen! Sturmfest, aber Stock im Arsch. Vorbei war´s mit Alaaf und Helau, und da sie selber nun nicht mehr konnte,… Küchenpsychologie, aber anders kann ich mir das nicht erklären.

Foto-2Marie adé: Coole Stiefel trägst du als Aramis auf alle Fälle! Lag da schon die folgende, nicht enden wollende Passion drin?

Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, als Kind überhaupt mal andere Schuhe getragen zu haben als (Regen-) Stiefel und Clogs. Und für letztere war´s im Februar vermutlich zu kalt. Aber so gesehen könnte man die Frage eigentlich mit einem klaren JA beantworten.

Funkenmarianne: Du wolltest immer Prinzessin sein. Ist es Dir irgendwann gelungen?

NEIN. *Kurze Pause bitte. Ich muss mir die Tränen trocknen.*

Tanzmariellchen adieu: Was meinste, hat Karneval-…, pardon, Faschingsverkleiden vor allem mit den Vorstellungen der Eltern für ihr Kind zu tun?

Als Ex-Kind sage ich: ja. Heulende Clowns, schamrot angelaufene Pilze, Blümchen, Bienen und “individuell” Verkleidete, die sich schon in der Pausenhalle das von Mutti fabrizierte Outfit vom Leib rissen, gehörten in meiner Kindheit so sicher zum Programm wie die Prinzessin (schluchz), die am Ende zur Siegerin des Kostümwettbewerbs gekürt wurde. Als Mutter sage ich: Selbstverständlich nein – solange die Tochter nur nicht auf die Idee kommt, in so einem grauenhaften Von-der-Stange-Kostüm als Prinzessin, Fee oder Meerjungfrau gehen zu wollen…

Funkenelse ohne Dienst: Worauf achtest Du, wenn es heute um das Design Deiner Tochter beim Fasching geht?

Auf die Kompabilität mit solidem saisonal angemessenem Schuhwerk. Auf stabile Befestigung von allen Accessoires, die mehr als 3,99 Euro gekostet haben. Auf Schminke, die sich bis zum Abend aufgelöst hat, damit nicht unter Tränen Glitzerpartikel aus Augenbrauen, Ohren und Nasenlöchern geschrubbt werden müssen. Auf den Kontostand.

Mariechen out of order: Ist das Aramis-Foto eigentlich bei Euch in der damaligen Wohnung? Als ich mich als Tanzmariechen angeguckt habe, den üseligen Februar-Rasen, die graue, genietete Was-auch-immer-Wand im Hintergrund, da wurd ich glatt ein bisschen rührselig. Wie geht es Dir mit Deinem Bild?

Das erinnert mich eigentlich nur… an Niedersachsen.

Maria, die ehemals funkende: Was waren damals in Deiner niedersächsischen Metropolen-Klicke die Top-Kostüme?

Cowboy und Indianer. Jedes Jahr. Und, klar: Prinzessin.

Foto-1Funkending: Du bist ja eher in der Wüste Gobi des närrischen Frohsinns aufgewachsen. Was hieß denn eigentlich für Euch Fasching feiern?

Spaß beiseite: Es wurde gefeiert, aber ohne Impact. Verkleiden – ging klar, Party während der Schulzeit sowieso. Aber nur die Kinder, nicht als gesamtgesellschaftliche generationenübergreifende “rauschhafte Vergemeinschaftung“. Traurig eigentlich, ein bisschen wie Weihnachten auf Gran Canaria, schätze ich. Wobei: Seit den späten Neunzigern (oder: seit der Expo?) gibt es auch in Hannover einen Karnevalsumzug durch die City. Keine Ahnung, ob da die Stöcke im Arsch zu tanzen beginnen. Und bei meinem letzten Besuch dort fand ich eine 10-seitige Broschüre der – halt Dich fest – Hannoverschen Karnevalisten! Ihre Lieblichkeit Prinzessin Anke I. und seine Tollität Prinz Heiko I. lassen grüßen! Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, der Kölner Karnevalsprinz muss sich warm anziehen, aber da geht offenbar doch einiges…

Funk-Mariechen außer Betrieb: Wenn Du für die nächste Woche zu einer richtigen Faschings-Feier eingeladen wärst, auf die Du auch Lust hast, als was würdest Du Dich verkleiden?

Ächz. Als Niedersachse, glaube ich.


*Wir möchten auch Euch ermutigen, bei unserer Initiative “Kinderfoto-Erpresser haben null Chance!” mitzumachen! Schickt uns Eure Kinder-Karnevals-Fotos (Klick!). Nein, wir werden sie nicht ungefragt auf fett. veröffentlichen. Aber wir freuen uns. Und Ihr werdet Euch nachher soooo viel besser fühlen! Versprochen. Ganz fett. versprochen!!!

 

PS.: Wer die hier gezeigten Bilder noch größer sehen möchte: klick drauf!


Foto: ©fett., privat. Buchstaben: Bild-Zeitung, Hamburg Ausgabe, vom 9. Februar 2013